AI Act und DSGVO parallel: Welche Pflicht greift wann?
Sofern KI personenbezogene Daten verarbeitet, greifen AI Act und DSGVO parallel. Orientierung zu Schnittmengen, DPIA/FRIA-Erweiterung und Zuständigkeiten.
ComplyCheck-Redaktion · Stand: 2026-09-22
AI Act und DSGVO parallel: Welche Pflicht greift wann?
Diese Einordnung ist eine pauschale Orientierung auf Basis öffentlicher Quellen (EUR-Lex, EDPB, BSI). Sie ersetzt keine Einzelfall-Prüfung. AI-Act-Pflichten hängen stark vom System-Typ, Risiko-Klassifizierung und Anwendungs-Bereich ab.
Welche regulatorische Grundlage greift?
AI Act und DSGVO verfolgen unterschiedliche Schutzgüter:
- DSGVO (Verordnung (EU) 2016/679): schützt das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, adressiert wird die Verarbeitung personenbezogener Daten.
- AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689): schützt Grundrechte, Gesundheit, Sicherheit und Marktintegrität, adressiert wird das KI-System und seine Wirkung.
Eine kumulative Anwendbarkeit ist in Erwägungsgrund 10 AI Act ausdrücklich klargestellt. Der EDPB hat im Bericht der ChatGPT-Taskforce (23.05.2024) und in der Stellungnahme 28/2024 zu KI-Modellen entsprechende behördliche Erwartungen formuliert.
Welche Konstellation passt zu deinem KI-Profil?
Die Frage, welche Pflichten konkret greifen, hängt von zwei Achsen ab: (a) Werden personenbezogene Daten verarbeitet? (b) Liegt eine Hochrisiko-Konstellation nach Anhang III AI Act vor? Daraus ergeben sich verbreitete Konstellationen:
- Nur DSGVO: Sofern die KI personenbezogene Daten verarbeitet, aber kein Hochrisiko-System darstellt (Beispiel: ChatGPT-gestützte Textkorrektur mit Personenbezug). Es greifen die DSGVO-Standardpflichten; spezifische Hochrisiko-Pflichten aus dem AI Act sind regelmäßig nicht einschlägig.
- Nur AI Act: Sofern ein Hochrisiko-System ohne Personenbezug eingesetzt wird. Beispiel: ein KI-System, das als Sicherheitsbauteil eines Produkts nach Anhang I dient, für das eine Konformitätsbewertung durch Dritte vorgeschrieben ist (Art. 6 Abs. 1 AI Act). Eine KI-gestützte Qualitätskontrolle von Bauteilen ist nicht per se Hochrisiko. Die DSGVO ist mangels Personenbezug nicht einschlägig; die AI-Act-Pflichten der Art. 8 ff. greifen.
- Beide parallel: Sofern ein Hochrisiko-System personenbezogene Daten verarbeitet, der typische Fall in HR-Auswahl, Credit-Scoring, Bildungsbewertung, Strafverfolgung.
Eine pauschale Aussage zur Pflichten-Lage ist nicht möglich; die konkrete Einordnung erfolgt im Einzelfall.
Welcher Aufbau-Rahmen ist verbreitet?
Als Orientierung bietet sich ein Mapping entlang der zentralen Normen an. Ob es im konkreten Fall passt, ist im Einzelfall zu beurteilen.
DSGVO Art. 6, Rechtsgrundlage: Vor jeder KI-gestützten Verarbeitung personenbezogener Daten ist eine Rechtsgrundlage zu prüfen, häufig Einwilligung (Art. 6 Abs. 1 lit. a) oder berechtigtes Interesse (lit. f) mit dokumentierter Abwägung. Bei Beschäftigtendaten ist zu beachten: Nach dem Urteil des EuGH vom 30.03.2023 (C-34/21) sind nationale Beschäftigtendatenschutz-Vorschriften, die die Anforderungen des Art. 88 Abs. 2 DSGVO nicht erfüllen, nicht anzuwenden. Nach Einschätzung von Aufsichtsbehörden betrifft das voraussichtlich § 26 Abs. 1 Satz 1 BDSG; Rechtsgrundlage ist dann regelmäßig Art. 6 Abs. 1 DSGVO, meist lit. b (Beschäftigungsverhältnis), lit. c oder lit. f.
DSGVO Art. 22, Automatisierte Einzelentscheidung: Sofern eine KI-Entscheidung rechtliche Wirkung entfaltet oder die Person ähnlich erheblich beeinträchtigt, ist eine ausschließlich automatisierte Verarbeitung regelmäßig unzulässig, Ausnahmen sind in Art. 22 Abs. 2 abschließend geregelt. In der HR-Praxis bedeutet das typischerweise: KI-Vorauswahl ist denkbar, die finale Entscheidung muss menschlich verantwortet werden.
DSGVO Art. 35, Datenschutz-Folgenabschätzung (DPIA): Bei hohem Risiko für betroffene Personen Pflicht. Die DSK-Liste der DSFA-pflichtigen Verarbeitungen (Muss-Liste, Nr. 11) nennt den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Verarbeitung personenbezogener Daten, soweit er der Steuerung der Interaktion mit den Betroffenen oder der Bewertung persönlicher Aspekte dient. Nicht jede KI-gestützte Verarbeitung fällt darunter.
AI Act Art. 26, Pflichten für Deployer von Hochrisiko-KI: Sofern Hochrisiko-KI mit Personenbezug eingesetzt wird, entstehen u. a. Pflichten zu Logging-Aufbewahrung (Abs. 6), Zuweisung menschlicher Aufsicht (Abs. 2), Sicherstellung der Eingabe-Datenqualität (Abs. 4) und Vorfallmeldung an den Anbieter (Abs. 5).
AI Act Art. 27, Grundrechte-Folgenabschätzung (FRIA): Eine Grundrechte-Folgenabschätzung ist vor der Inbetriebnahme eines Hochrisiko-KI-Systems nach Art. 6 Abs. 2 durchzuführen, wenn der Betreiber eine Einrichtung des öffentlichen Rechts oder eine private Einrichtung ist, die öffentliche Dienste erbringt, sowie bei Systemen nach Anhang III Nr. 5 lit. b (Kreditwürdigkeitsprüfung und Bonitätsbewertung) und lit. c (Risikobewertung und Preisbildung bei Lebens- und Krankenversicherungen); ausgenommen sind Systeme nach Anhang III Nr. 2 (kritische Infrastruktur). Nach Art. 27 Abs. 4 AI Act kann die FRIA auf eine bereits durchgeführte DSFA aufbauen, soweit sich die Pflichten decken; die übrigen FRIA-Inhalte sind gesondert zu dokumentieren.
AI Act Art. 50, Transparenzpflichten: Chatbot-Hinweis, Deepfake-Kennzeichnung, KI-generierte-Inhalte-Hinweis. Überlappt teilweise mit den DSGVO-Informationspflichten nach Art. 13/14, adressiert jedoch andere Schutzgüter.
Schritt-für-Schritt-Mapping in einer Hochrisiko-Konstellation
Beispiel: KI-gestütztes Bewerber-Scoring (Anhang III Nr. 4 AI Act). Folgende Bausteine kommen in Betracht:
- Rechtsgrundlage (DSGVO Art. 6): bei Bewerbern regelmäßig Art. 6 Abs. 1 lit. b (Anbahnung des Beschäftigungsverhältnisses), sonst berechtigtes Interesse mit Abwägung oder Einwilligung; § 26 Abs. 1 Satz 1 BDSG ist nach EuGH C-34/21 voraussichtlich nicht mehr tragfähig.
- Informationspflicht (DSGVO Art. 13/14): transparente Information der Bewerber über Verarbeitung und Logik des Systems.
- DPIA (DSGVO Art. 35): vor Inbetriebnahme; Risikoanalyse und Maßnahmenplan.
- Sicherstellung menschlicher Letztentscheidung (DSGVO Art. 22): dokumentiertes Eskalations- und Entscheidungs-Schema.
- FRIA (AI Act Art. 27, soweit persönlicher Anwendungsbereich eröffnet): Grundrechtsbezug, betroffene Personengruppen, Abhilfemaßnahmen.
- Logging und Aufsicht (AI Act Art. 26 Abs. 2, 6): die vom System automatisch erzeugten Protokolle, soweit sie der Kontrolle des Betreibers unterliegen, mindestens sechs Monate aufbewahren; Aufsichtspersonen benennen und schulen.
- Transparenz (AI Act Art. 50): bei externer Sichtbarkeit der KI-Interaktion.
Sofern die DPIA-Struktur die FRIA-Logik nach AI Act Art. 27 (Risiko-Identifikation, Grundrechtsbezug, betroffene Personengruppen, Abhilfemaßnahmen) inhaltlich aufnehmen kann, lässt sich ein konsolidiertes Dokument führen; Art. 27 Abs. 4 AI Act erlaubt ausdrücklich, auf die DSFA aufzubauen. Die behördliche Akzeptanz hängt vom Einzelfall ab; eine klare Trennung der Rechtsgrundlagen innerhalb des Dokuments wird empfohlen. Die Eignung sollte mit dem Datenschutzbeauftragten und ggf. der zuständigen Aufsicht abgestimmt werden.
Zuständigkeit in der Behördenwelt
In Deutschland ergibt sich eine geteilte Aufsichtsstruktur:
- DSGVO: Landesdatenschutzbehörden (für private Verantwortliche typischerweise nach Sitz), BfDI für Bundesbehörden und Telekommunikations-/Post-Anbieter.
- AI Act: Das KI-Marktüberwachungs-und-Innovationsförderungs-Gesetz (KI-MIG) ist am 29.07.2026 in Kraft getreten (BGBl. 2026 I Nr. 223). Zuständige Marktüberwachungsbehörde ist nach § 2 Abs. 1 KI-MIG grundsätzlich die Bundesnetzagentur (BNetzA). Abweichend zuständig sind unter anderem die BaFin für KI-Systeme in direktem Zusammenhang mit einer regulierten Finanztätigkeit der von ihr beaufsichtigten Unternehmen (§ 2 Abs. 3), die bisherigen Marktüberwachungsbehörden bei KI in Produkten nach Anhang I Abschnitt A (§ 2 Abs. 2) und Landesbehörden bei öffentlichen Stellen der Länder (§ 2 Abs. 6).
In der Praxis ist mit parallelen Anfragen zu rechnen. Eine konsolidierte Dokumentation, die DSGVO- und AI-Act-Pflichten gemeinsam abbildet, ist hilfreich.
Sanktionsrahmen zum Vergleich
- DSGVO Art. 83: bis 20 Mio. EUR oder 4 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes.
- AI Act Art. 99: bis 35 Mio. EUR oder 7 Prozent für Verstöße gegen Art. 5; bis 15 Mio. EUR oder 3 Prozent bei Hochrisiko- und Transparenz-Verstößen; bis 7,5 Mio. EUR oder 1 Prozent bei falschen Auskünften.
Beide Sanktionsrahmen gelten nebeneinander; ein Sachverhalt kann beide Verordnungen berühren. Der AI Act enthält eine KMU-Regel: Für KMU einschließlich Start-ups gilt jeweils der niedrigere der beiden Beträge (Art. 99 Abs. 6 AI Act). Die DSGVO kennt keine solche KMU-Sonderregel; bei der Bußgeldbemessung sind die Kriterien des Art. 83 Abs. 2 DSGVO zu berücksichtigen, etwa Art, Schwere und Dauer des Verstoßes (lit. a).
Welche Konstellationen erfordern abweichendes Vorgehen?
In folgenden Konstellationen reicht die hier skizzierte Mapping-Orientierung nicht aus:
- Beschäftigtendatenschutz mit Mitbestimmung: KI-Systeme zur Mitarbeiter-Steuerung lösen regelmäßig Mitbestimmungs-Pflichten nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG aus, der Mapping-Ansatz greift hier zu kurz.
- Berufsgeheimnisträger (§ 203 StGB): Anwälte, Ärzte, Steuerberater haben verschärfte Anforderungen an die Datenverarbeitung, ein eigener Prüfungsrahmen ist üblich.
- Sektorale Aufsichts-Vorgaben (BaFin/MaRisk/DORA, BSI/NIS2, MDR/IVDR): branchenspezifische Pflichten können erheblich über das DSGVO-/AI-Act-Mapping hinausgehen.
- Drittlandtransfer: Sofern Daten außerhalb des EWR verarbeitet werden, sind Art. 44 ff. DSGVO und ggf. der Data Privacy Framework-Status zu prüfen.
- GPAI-Anbieter-Konstellation: Wer ein KI-Modell mit allgemeinem Verwendungszweck entwickelt und in Verkehr bringt, ist Anbieter (Art. 3 Nr. 3 AI Act) mit den Pflichten nach Art. 53 ff. Davon zu unterscheiden ist Art. 25 AI Act: Er regelt, wann Händler, Einführer, Betreiber oder Dritte zum Anbieter eines Hochrisiko-KI-Systems werden, etwa durch wesentliche Änderung oder durch Änderung der Zweckbestimmung eines KI-Systems, auch eines auf einem GPAI-Modell beruhenden.
- Streitige Hochrisiko-Einordnung: Bei Anwendung der Ausnahmen in Art. 6 Abs. 3 AI Act ist eine dokumentierte fachliche Bewertung typischerweise unverzichtbar.
In diesen Konstellationen wird eine Einzelfall-Begleitung durch Datenschutzbeauftragte, Compliance-Funktion oder anwaltliche Beratung empfohlen.
Nächster Schritt
Eine erste Standort-Bestimmung zur DSGVO/AI-Act-Konstellation liefert der AI-Act-Check, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Verbindlichkeit.
Für eine vertiefte Abgrenzung der Regelwerke: AI Act vs. DSGVO: Was greift wann?.
Veröffentlicht durch die ComplyCheck-Redaktion. Veröffentlicht am 3. September 2026. Aktualisiert am 22. September 2026.
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