93 Annex-A-Controls in ISO 27001:2022 — der kompakte Überblick
ISO 27001:2022 reduziert Annex A auf 93 Controls in 4 Themen-Gruppen. Was anders ist als 2013, welche Reihenfolge KMU sinnvoll umsetzen. Stand 18.09.2026.
ComplyCheck-Redaktion · Stand: 2026-09-18
93 Annex-A-Controls in ISO 27001:2022: der kompakte Überblick
Stand: 18.09.2026 · ComplyCheck-Redaktion · Keine Rechtsberatung iSd RDG § 2.
Was Annex A überhaupt ist
ISO 27001 verlangt im Hauptteil (Klauseln 4-10) den Aufbau und Betrieb eines Informationssicherheits-Managementsystems (ISMS). Der Hauptteil ist generisch und nicht-präskriptiv, er sagt nicht, welche Maßnahmen Sie umsetzen müssen.
Annex A ist eine Referenzliste von 93 Maßnahmen (Controls). Die Organisation bestimmt ihre Maßnahmen aus der Risikobehandlung und gleicht sie nach Klausel 6.1.3 mit Annex A ab, damit keine notwendige Maßnahme übersehen wird. Das Ergebnis wird im Statement of Applicability (SoA) dokumentiert: notwendige Maßnahmen, Begründung für ihre Aufnahme, ob sie umgesetzt sind, und Begründung für den Ausschluss von Annex-A-Controls.
Hauptteil vs. Annex A, zwei verschiedene Welten
ISO 27001 verlangt im Hauptteil (Klauseln 4-10) den Aufbau eines ISMS, generisch und nicht-präskriptiv. Annex A ist die Referenzliste dazu: 93 Maßnahmen, gegen die die Organisation ihre eigene Auswahl abgleicht. Die Reduktion von 114 (2013) auf 93 Controls kommt nicht aus Streichung, sondern aus Konsolidierung. Komplett neu sind 11 Controls, vor allem Cloud-Sicherheit (A.5.23), Threat-Intelligence (A.5.7) und moderne Tech-Controls wie DLP (A.8.12) und Web-Filterung (A.8.23).
Die vier Themen-Gruppen
ISO 27001:2022 ordnet die 93 Controls in vier Gruppen:
A.5 Organisatorische Maßnahmen (37 Controls)
Die größte Gruppe. Enthält klassische Management-Themen:
- Informationssicherheits-Politik (A.5.1)
- Rollen und Verantwortlichkeiten (A.5.2)
- Trennung von Pflichten (A.5.3)
- Management-Verantwortung (A.5.4)
- Kontakt zu Behörden (A.5.5)
- Threat-Intelligence (A.5.7), neu in 2022
- Informationssicherheit in Lieferantenbeziehungen (A.5.19)
- Informations-Klassifizierung (A.5.12-13)
- Informationsübertragung (A.5.14)
- Zugriffssteuerung (A.5.15-18)
- Informationssicherheit für Cloud-Dienste (A.5.23), neu in 2022
- Informationssicherheit bei Störungen (A.5.29)
- IKT-Bereitschaft für Geschäftskontinuität (A.5.30), neu in 2022
- Rechtliche und vertragliche Anforderungen, geistiges Eigentum, Schutz von Aufzeichnungen, Datenschutz (A.5.31-A.5.34)
- Unabhängige Überprüfung und Einhaltung von Richtlinien (A.5.35-A.5.36)
- Dokumentierte Betriebsabläufe (A.5.37)
A.6 Personelle Maßnahmen (8 Controls)
Kleinste Gruppe. Fokus auf Menschen:
- Screening (A.6.1)
- Beschäftigungsverträge mit Sicherheits-Klauseln (A.6.2)
- Sensibilisierung und Schulung (A.6.3)
- Disziplinarverfahren (A.6.4)
- Pflichten nach Beendigung (A.6.5)
- Vertraulichkeitsvereinbarungen (A.6.6)
- Remote-Working (A.6.7)
- Meldung von Informationssicherheits-Ereignissen (A.6.8)
A.7 Physische Maßnahmen (14 Controls)
Klassische Gebäude- und Hardware-Sicherheit:
- Physische Sicherheitsperimeter (A.7.1)
- Physischer Zutritt (A.7.2)
- Sicherung von Büros, Räumen, Einrichtungen (A.7.3)
- Physisches Sicherheits-Monitoring (A.7.4), neu in 2022
- Schutz vor Umweltbedrohungen (A.7.5)
- Arbeit in sicheren Bereichen (A.7.6)
- Clear Desk / Clear Screen (A.7.7)
- Geräte-Standort und Schutz (A.7.8)
- Sicherheit von Off-Site-Geräten (A.7.9)
- Speicher-Medien (A.7.10)
- Versorgungs-Einrichtungen (A.7.11)
- Verkabelungs-Sicherheit (A.7.12)
- Wartung von Geräten (A.7.13)
- Sichere Entsorgung / Wiederverwendung (A.7.14)
A.8 Technologische Maßnahmen (34 Controls)
Zweitgrößte Gruppe, die technische Umsetzung:
- Endgeräte (A.8.1)
- Privilegierte Zugriffe (A.8.2)
- Restriktionen für Software-Installation (A.8.19)
- Netzwerksicherheit (A.8.20-22)
- Schutz vor Malware (A.8.7)
- Vulnerability Management (A.8.8)
- Konfigurations-Management (A.8.9), neu in 2022
- Informations-Löschung (A.8.10), neu in 2022
- Datenmaskierung (A.8.11), neu in 2022
- Data-Leakage-Prevention (A.8.12), neu in 2022
- Web-Filterung (A.8.23), neu in 2022
- Sichere Entwicklung (A.8.25-A.8.30), darunter Sichere Codierung (A.8.28), neu in 2022
- Trennung der Umgebungen, Änderungsmanagement, Testdaten, Schutz bei Audit-Tests (A.8.31-A.8.34)
- Monitoring-Aktivitäten (A.8.16), neu in 2022
- Logging (A.8.15)
Was komplett neu ist (11 Controls)
Die ISO/IEC 27002:2022 als Code of Practice listet die 11 neuen Controls:
- A.5.7 Threat-Intelligence, strukturierte Sammlung und Bewertung von Bedrohungsinformationen
- A.5.23 Informationssicherheit für Cloud-Dienste
- A.5.30 ICT-Readiness für Geschäftskontinuität
- A.7.4 Physisches Sicherheits-Monitoring
- A.8.9 Konfigurations-Management
- A.8.10 Informations-Löschung
- A.8.11 Datenmaskierung
- A.8.12 Data-Leakage-Prevention
- A.8.16 Monitoring-Aktivitäten
- A.8.23 Web-Filterung
- A.8.28 Sichere Codierung
Alle übrigen Controls gehen aus Controls der 2013er-Fassung hervor. A.8.1 Endgeräte für Benutzer etwa fasst die früheren Controls 6.2.1 und 11.2.8 zusammen und ist deshalb nicht neu.
Wichtige Konsolidierungen
Die Reduktion von 114 auf 93 Controls kommt nicht aus Streichung, sondern aus Zusammenfassung:
- Frühere Controls zur Asset-Verwaltung (mehrere) → konsolidiert in A.5.9-A.5.11
- Frühere Controls zur Zugriffssteuerung → konsolidiert in A.5.15-A.5.18 und A.8.2-A.8.5
- Frühere Controls zur Anwendungssicherheit → in A.8.25-A.8.34 systematisiert
Inhaltlich verschwindet wenig, die Struktur wird kohärenter.
Attribute statt nur Nummerierung
Ein zweiter Strukturwandel in 2022: In ISO/IEC 27002:2022, dem Leitfaden zu den Controls, hat jedes Control fünf Attribute. Annex A der ISO/IEC 27001 führt nur Nummer, Titel und Maßnahme:
- Control-Typ: präventiv, detektiv, korrigierend
- Informationssicherheits-Eigenschaft: Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit
- Cybersecurity-Konzept: identify, protect, detect, respond, recover (NIST-Anlehnung)
- Operative Fähigkeit: Governance, Asset-Management, Information-Protection, Human-Resource-Security, Physical-Security, System-and-Network-Security, Application-Security, Secure-Configuration, Identity-and-Access-Management, Threat-and-Vulnerability-Management, Continuity, Supplier-Relationships-Security, Legal-and-Compliance, Information-Security-Event-Management, Information-Security-Assurance
- Sicherheits-Domain: Governance and Ecosystem, Protection, Defence, Resilience
Die Attribute sind kein Pflicht-Reporting, sondern ermöglichen Filter und Reports auf Controls-Ebene, sehr nützlich für Risiko-Analysen und Audit-Vorbereitung.
Übergangsfrist für ISO 27001:2013 ist abgelaufen
Die Übergangsfrist endete Ende Oktober 2025. Zertifikate nach der 2013er-Fassung haben ihre Gültigkeit verloren. Wer noch ein altes Zertifikat hält, sollte umgehend eine Zertifizierung nach der 2022er-Fassung planen. Für die Umsetzung gilt: Governance + Schnell-Hebel + risikobasierte Priorisierung statt Abarbeiten in Nummernfolge.
Pflicht: Statement of Applicability (SoA)
ISO 27001 verlangt nach Klausel 6.1.3 lit. d, dass die Organisation ein Statement of Applicability erstellt. Inhalt pro Control:
- die notwendigen Maßnahmen
- Begründung für ihre Aufnahme
- ob sie umgesetzt sind
- Begründung für den Ausschluss von Annex-A-Controls
Das SoA ist das zentrale Dokument für ein ISO-27001-Audit. Es zeigt, dass die Organisation alle 93 Controls bewusst geprüft hat, auch wenn sie viele ausschließt. Beispiel: Eine Organisation, die keine Softwareentwicklung auslagert, kann den Ausschluss von „Ausgelagerte Entwicklung“ (A.8.30) nachvollziehbar begründen.
Praxis-Reihenfolge für KMU
Risiko-priorisierte Sequenz statt Nummernfolge
Pragmatischer Einstiegsplan für KMU: (1) Governance und Grundlagen (A.5.1-A.5.5 plus Awareness A.6.3) als Fundament, (2) Schnell-Hebel, Access-Control (A.5.15), Malware-Schutz (A.8.7), Beschäftigungsverträge (A.6.2), (3) Cloud & Lieferanten (A.5.19-A.5.23) wenn viel ausgelagert wird, (4) Netzwerksicherheit + Logging (A.8.20-A.8.22, A.8.15-A.8.16), (5) Vulnerability & Patch (A.8.8, A.8.9), (6) neue 2022-Controls in Phase 2 nachziehen. Aufwand-Nutzen statt Nummernfolge.
Statt Annex A in Nummernfolge abzuarbeiten, empfiehlt sich folgende Reihenfolge:
- Governance und Grundlagen (A.5.1-A.5.5, A.6.3): Politik, Rollen, Awareness
- Schnell-Hebel-Controls: A.5.15 Access-Control, A.8.7 Malware-Schutz, A.6.2 Beschäftigungsverträge
- Cloud & Lieferanten (A.5.19-A.5.23): besonders wenn viel ausgelagert wird
- Technologisches Fundament: A.8.20-A.8.22 Netzwerksicherheit, A.8.15-A.8.16 Logging und Monitoring
- Vulnerability & Patch (A.8.8, A.8.9, A.8.32)
- Geschäftskontinuität (A.5.29-A.5.30, A.8.13-A.8.14)
- Physische Sicherheit (A.7), meist schon umgesetzt, nur dokumentieren
- Rechtliche Anforderungen und Überprüfung (A.5.31-A.5.36): meist juristisch geprägt
- Neue 2022-Controls in Phase 2 nachziehen
Diese Reihenfolge orientiert sich an Risiko-Reduktion und Aufwand-Nutzen, nicht an der Annex-Reihenfolge, die nach vier Themen und fortlaufenden Nummern geordnet ist.
Verhältnis zum BSI-IT-Grundschutz
ISO 27001 auf Basis von IT-Grundschutz ist ein deutscher Sonderweg: Grundlage sind die BSI-Standards 200-1 bis 200-3 und das IT-Grundschutz-Kompendium. Nach einem Audit durch einen vom BSI zertifizierten Grundschutz-Auditor entscheidet das BSI selbst über die Ausstellung des Zertifikats.
Wer "nur" ISO 27001 anstrebt (ohne IT-Grundschutz-Basis), nutzt die generischen Annex-A-Controls als Maßstab.
FAQ
Muss ich alle 93 Controls umsetzen?
Nein. Sie müssen alle 93 Controls bewerten und dokumentieren, aber nur die anwendbaren tatsächlich umsetzen. Ausschlüsse sind erlaubt, müssen aber im SoA mit nachvollziehbarer Begründung versehen sein. Ein Beispiel ist A.8.30 „Ausgelagerte Entwicklung“ bei Organisationen, die keine Entwicklung auslagern.
Was passiert mit alten ISO-27001:2013-Zertifikaten?
Die Übergangsfrist endete am 31. Oktober 2025. Zertifikate nach der 2013er-Fassung sind seitdem abgelaufen oder zurückgezogen (IAF MD 26). Wer noch ein altes Zertifikat hält, sollte umgehend eine Re-Zertifizierung nach der 2022er-Fassung planen.
Gibt es eine Pflicht zur Reihenfolge der Umsetzung?
Nein, ISO 27001 fordert nur ein wirksames ISMS, keine bestimmte Implementierungs-Sequenz. Es macht aber Sinn, mit Governance und Awareness anzufangen und technische Maßnahmen erst nach einer fundierten Risiko-Analyse umzusetzen. Reine Technik-Erst-Strategien führen oft zu nicht-wirksamen ISMS.
Was ist der Unterschied zwischen ISO 27001 und ISO 27002?
ISO 27001 ist der zertifizierbare Standard mit Pflicht-Anforderungen an ein ISMS. ISO 27002 ist der Code of Practice mit detaillierten Umsetzungs-Empfehlungen zu den Annex-A-Controls. ISO 27002 ist nicht zertifizierbar, aber als Implementierungshilfe sehr nützlich.
Wie oft müssen die Controls überprüft werden?
ISO 27001 verlangt die Überwachung, Messung, Analyse und Bewertung der Informationssicherheitsleistung (Kapitel 9.1), wobei die Organisation selbst festlegt, wann gemessen und ausgewertet wird, sowie interne Audits (Kapitel 9.2) und Managementbewertungen (Kapitel 9.3) jeweils „in geplanten Abständen". Eine feste Frist nennt die Norm nicht; ein Abstand von höchstens zwölf Monaten bei der Managementbewertung ist gängige Praxis, weil Zertifizierungsstellen jährlich Überwachungsaudits durchführen. Wie oft einzelne Controls intern geprüft werden, legt das Auditprogramm fest.
Veröffentlicht durch die ComplyCheck-Redaktion. Veröffentlicht am 5. Juni 2026. Aktualisiert am 18. September 2026.
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