93 Annex-A-Controls in ISO 27001:2022 — der kompakte Überblick
ISO 27001:2022 reduziert Annex A auf 93 Controls in 4 Themen-Gruppen. Was anders ist als 2013, welche Reihenfolge KMU sinnvoll umsetzen. Stand: 2026-05-16.
ComplyCheck-Redaktion · Stand: 2026-06-05
93 Annex-A-Controls in ISO 27001:2022 — der kompakte Überblick
Stand: 2026-05-16 · ComplyCheck-Redaktion · Keine Rechtsberatung iSd RDG § 2.
Was Annex A überhaupt ist
ISO 27001 verlangt im Hauptteil (Klauseln 4-10) den Aufbau und Betrieb eines Informationssicherheits-Managementsystems (ISMS). Der Hauptteil ist generisch und nicht-präskriptiv — er sagt nicht, welche Maßnahmen Sie umsetzen müssen.
Annex A ist der präskriptive Teil: Eine Liste von 93 spezifischen Maßnahmen (Controls), aus denen jede Organisation auswählt. Die Auswahl wird im Statement of Applicability (SoA) dokumentiert — pro Control: Anwendbar? Begründung? Umgesetzt? Wirksamkeitsnachweis?
Hauptteil vs. Annex A — zwei verschiedene Welten
ISO 27001 verlangt im Hauptteil (Klauseln 4-10) den Aufbau eines ISMS — generisch und nicht-präskriptiv. Annex A ist das präskriptive Pendant: eine Liste von 93 spezifischen Maßnahmen, aus denen jede Organisation auswählt. Die Reduktion von 114 (2013) auf 93 Controls kommt nicht aus Streichung, sondern aus Konsolidierung. Komplett neu sind nur 11-12 Controls — vor allem Cloud-Sicherheit (A.5.23), Threat-Intelligence (A.5.7) und moderne Tech-Controls wie DLP (A.8.12) und Web-Filterung (A.8.23).
Die vier Themen-Gruppen
ISO 27001:2022 ordnet die 93 Controls in vier Gruppen:
A.5 Organisatorische Maßnahmen (37 Controls)
Die größte Gruppe. Enthält klassische Management-Themen:
- Informationssicherheits-Politik (A.5.1)
- Rollen und Verantwortlichkeiten (A.5.2)
- Trennung von Pflichten (A.5.3)
- Management-Verantwortung (A.5.4)
- Kontakt zu Behörden (A.5.5)
- Threat-Intelligence (A.5.7) — neu in 2022
- Informationssicherheit in Lieferantenbeziehungen (A.5.19)
- Informations-Klassifizierung (A.5.12-13)
- Informationsübertragung (A.5.14)
- Zugriffssteuerung (A.5.15-18)
- Informationssicherheit für Cloud-Dienste (A.5.23) — neu in 2022
- ICT-Readiness für Geschäftskontinuität (A.5.29-30)
- Compliance-Anforderungen (A.5.31-37)
A.6 Personelle Maßnahmen (8 Controls)
Kleinste Gruppe. Fokus auf Menschen:
- Screening (A.6.1)
- Beschäftigungsverträge mit Sicherheits-Klauseln (A.6.2)
- Sensibilisierung und Schulung (A.6.3)
- Disziplinarverfahren (A.6.4)
- Pflichten nach Beendigung (A.6.5)
- Vertraulichkeitsvereinbarungen (A.6.6)
- Remote-Working (A.6.7)
- Meldung von Informationssicherheits-Ereignissen (A.6.8)
A.7 Physische Maßnahmen (14 Controls)
Klassische Gebäude- und Hardware-Sicherheit:
- Physische Sicherheitsperimeter (A.7.1)
- Physischer Zutritt (A.7.2)
- Sicherung von Büros, Räumen, Einrichtungen (A.7.3)
- Schutz vor Umweltbedrohungen (A.7.5)
- Arbeit in sicheren Bereichen (A.7.6)
- Clear Desk / Clear Screen (A.7.7)
- Geräte-Standort und Schutz (A.7.8)
- Sicherheit von Off-Site-Geräten (A.7.9)
- Speicher-Medien (A.7.10)
- Versorgungs-Einrichtungen (A.7.11)
- Verkabelungs-Sicherheit (A.7.12)
- Wartung von Geräten (A.7.13)
- Sichere Entsorgung / Wiederverwendung (A.7.14)
A.8 Technologische Maßnahmen (34 Controls)
Zweitgrößte Gruppe, die technische Umsetzung:
- Endgeräte (A.8.1)
- Privilegierte Zugriffe (A.8.2)
- Restriktionen für Software-Installation (A.8.19)
- Netzwerksicherheit (A.8.20-22)
- Schutz vor Malware (A.8.7)
- Vulnerability Management (A.8.8)
- Konfigurations-Management (A.8.9) — neu in 2022
- Informations-Löschung (A.8.10) — neu in 2022
- Datenmaskierung (A.8.11) — neu in 2022
- Data-Leakage-Prevention (A.8.12) — neu in 2022
- Web-Filterung (A.8.23) — neu in 2022
- Sichere Entwicklung (A.8.25-34)
- Monitoring-Aktivitäten (A.8.16) — neu in 2022
- Logging (A.8.15)
Was komplett neu ist (11 Controls)
Die ISO/IEC 27002:2022 als Code of Practice listet die 11 neuen Controls:
- A.5.7 Threat-Intelligence — strukturierte Sammlung und Bewertung von Bedrohungsinformationen
- A.5.23 Informationssicherheit für Cloud-Dienste
- A.5.30 ICT-Readiness für Geschäftskontinuität
- A.7.4 Physisches Sicherheits-Monitoring
- A.8.1 Endgeräte für Benutzer (Bring-Your-Own-Device-Aspekte)
- A.8.9 Konfigurations-Management
- A.8.10 Informations-Löschung
- A.8.11 Datenmaskierung
- A.8.12 Data-Leakage-Prevention
- A.8.16 Monitoring-Aktivitäten
- A.8.23 Web-Filterung
- A.8.28 Sichere Codierung
(Die genaue Zählung schwankt je nach Lesart — manche Quellen sprechen von 11, andere von 12 neuen Controls.)
Wichtige Konsolidierungen
Die Reduktion von 114 auf 93 Controls kommt nicht aus Streichung, sondern aus Zusammenfassung:
- Frühere Controls zur Asset-Verwaltung (mehrere) → konsolidiert in A.5.9-A.5.11
- Frühere Controls zur Zugriffssteuerung → konsolidiert in A.5.15-A.5.18 und A.8.2-A.8.5
- Frühere Controls zur Anwendungssicherheit → in A.8.25-A.8.34 systematisiert
Inhaltlich verschwindet wenig — die Struktur wird kohärenter.
Attribute statt nur Nummerierung
Ein zweiter Strukturwandel in 2022: Jedes Control hat fünf Attribute:
- Control-Typ: präventiv, detektiv, korrigierend
- Informationssicherheits-Eigenschaft: Vertraulichkeit, Integrität, Verfügbarkeit
- Cybersecurity-Konzept: identify, protect, detect, respond, recover (NIST-Anlehnung)
- Operative Fähigkeit: Governance, Asset-Management, Information-Protection, Human-Resource-Security, Physical-Security, System-and-Network-Security, Application-Security, Secure-Configuration, Identity-and-Access-Management, Threat-and-Vulnerability-Management, Continuity, Supplier-Relationships-Security, Legal-and-Compliance, Information-Security-Event-Management, Information-Security-Assurance
- Sicherheits-Domain: Governance, Protection, Defense, Resilience
Die Attribute sind kein Pflicht-Reporting, sondern ermöglichen Filter und Reports auf Controls-Ebene — sehr nützlich für Risiko-Analysen und Audit-Vorbereitung.
Übergangsfrist für ISO 27001:2013 ist abgelaufen
Die Übergangsfrist endete Ende Oktober 2025. Zertifikate nach der 2013er-Fassung haben ihre Gültigkeit verloren. Wer noch ein altes Zertifikat hält, sollte umgehend Re-Zertifizierung nach der 2022er-Fassung planen — Audit-Slots bei DAkkS-akkreditierten Zertifizierern sind 2026 weiterhin knapp. Plus: Alphabetisches Abarbeiten von Annex A scheitert in der Praxis fast immer. Sinnvoller Einstieg ist Governance + Schnell-Hebel + risikobasierte Priorisierung.
Pflicht: Statement of Applicability (SoA)
ISO 27001 verlangt nach Klausel 6.1.3 lit. d, dass die Organisation ein Statement of Applicability erstellt. Inhalt pro Control:
- ist das Control anwendbar? (ja/nein)
- Begründung für Einschluss oder Ausschluss
- ist es umgesetzt? (ja/teilweise/nein)
- wie ist die Wirksamkeit belegt?
Das SoA ist das zentrale Dokument für ein ISO-27001-Audit. Es zeigt, dass die Organisation alle 93 Controls bewusst geprüft hat — auch wenn sie viele ausschließt. Beispiel: Ein reines SaaS-Unternehmen ohne eigene Server begründet den Ausschluss von "Wartung von Geräten" (A.7.13) ohne Probleme.
Praxis-Reihenfolge für KMU
Risiko-priorisierte Sequenz statt alphabetisch
Pragmatischer Einstiegsplan für KMU: (1) Governance & Pflicht-Controls (A.5.1-A.5.5 plus Awareness A.6.3) als Fundament, (2) Schnell-Hebel — Access-Control (A.5.15), Malware-Schutz (A.8.7), Beschäftigungsverträge (A.6.2), (3) Cloud & Lieferanten (A.5.19-A.5.23) wenn viel ausgelagert wird, (4) Netzwerksicherheit + Logging (A.8.20-A.8.22, A.8.15-A.8.16), (5) Vulnerability & Patch (A.8.8, A.8.9), (6) neue 2022-Controls in Phase 2 nachziehen. Aufwand-Nutzen statt alphabetisch.
Statt alphabetisch durch Annex A zu marschieren, empfiehlt sich folgende Reihenfolge:
- Governance & Pflicht-Controls (A.5.1-A.5.5, A.6.3): Politik, Rollen, Awareness
- Schnell-Hebel-Controls: A.5.15 Access-Control, A.8.7 Malware-Schutz, A.6.2 Beschäftigungsverträge
- Cloud & Lieferanten (A.5.19-A.5.23): besonders wenn viel ausgelagert wird
- Technologisches Fundament: A.8.20-A.8.22 Netzwerksicherheit, A.8.15-A.8.16 Logging und Monitoring
- Vulnerability & Patch (A.8.8, A.8.9, A.8.32)
- Geschäftskontinuität (A.5.29-A.5.30, A.8.13-A.8.14)
- Physische Sicherheit (A.7) — meist schon umgesetzt, nur dokumentieren
- Compliance (A.5.31-A.5.37): meist juristisch geprägt, gut delegierbar
- Neue 2022-Controls in Phase 2 nachziehen
Diese Reihenfolge orientiert sich an Risiko-Reduktion und Aufwand-Nutzen — nicht an der Annex-Reihenfolge, die alphabetisch geordnet ist.
Verhältnis zum BSI-IT-Grundschutz
ISO 27001 auf Basis von IT-Grundschutz ist ein deutscher Sonderweg: Die ISO-Zertifizierung wird auf Basis der detaillierten BSI-Bausteine ausgestellt. Das ist besonders für öffentliche Auftraggeber und KRITIS-Betreiber relevant.
Wer "nur" ISO 27001 anstrebt (ohne IT-Grundschutz-Basis), nutzt die generischen Annex-A-Controls als Maßstab.
FAQ
Muss ich alle 93 Controls umsetzen?
Nein. Sie müssen alle 93 Controls bewerten und dokumentieren — aber nur die anwendbaren tatsächlich umsetzen. Ausschlüsse sind erlaubt, müssen aber im SoA mit nachvollziehbarer Begründung versehen sein. Typische Ausschlüsse: physische Wartung bei reinen Cloud-Unternehmen, Lieferketten-Controls bei Solo-Selbstständigen.
Was passiert mit alten ISO-27001:2013-Zertifikaten?
Die Übergangsfrist endete Ende Oktober 2025. Zertifikate nach der 2013er-Fassung verlieren ihre Gültigkeit. Wer noch ein altes Zertifikat hält, sollte umgehend eine Re-Zertifizierung nach der 2022er-Fassung planen.
Gibt es eine Pflicht zur Reihenfolge der Umsetzung?
Nein — ISO 27001 fordert nur ein wirksames ISMS, keine bestimmte Implementierungs-Sequenz. Es macht aber Sinn, mit Governance und Awareness anzufangen und technische Maßnahmen erst nach einer fundierten Risiko-Analyse umzusetzen. Reine Technik-Erst-Strategien führen oft zu nicht-wirksamen ISMS.
Was ist der Unterschied zwischen ISO 27001 und ISO 27002?
ISO 27001 ist der zertifizierbare Standard mit Pflicht-Anforderungen an ein ISMS. ISO 27002 ist der Code of Practice mit detaillierten Umsetzungs-Empfehlungen zu den Annex-A-Controls. ISO 27002 ist nicht zertifizierbar, aber als Implementierungshilfe sehr nützlich.
Wie oft müssen die Controls überprüft werden?
ISO 27001 verlangt eine kontinuierliche Wirksamkeitsprüfung und mindestens jährliche Management-Reviews. Die meisten Organisationen führen zusätzlich interne Audits in einem rollierenden Plan durch — typischerweise so, dass jedes Control mindestens alle 1-3 Jahre einmal geprüft wird.
Veröffentlicht durch die ComplyCheck-Redaktion. Veröffentlicht am 5. Juni 2026.
Verantwortlich i.S.d. § 18 MStV: siehe Impressum.
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