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NIS2 für Cloud- und SaaS-Anbieter: was ist anders?

Cloud- und SaaS-Anbieter unter NIS2: Einordnung nach § 28 BSIG, DVO (EU) 2024/2690, Registrierung nach § 34, Zuständigkeit nach § 60, BSI C5:2026.

ComplyCheck-Redaktion · Stand: 2026-09-22

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Hinweis: Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Im Einzelfall sollte eine auf IT-Sicherheitsrecht spezialisierte Beratung eingebunden werden.

NIS2 für Cloud- und SaaS-Anbieter: was ist anders?

Rechtsstand

Das deutsche NIS2UmsuCG ist am 6. Dezember 2025 in Kraft getreten (BGBl. 2025 I Nr. 301). Registrierungs- und Meldepflichten gelten. Die Registrierung ist spätestens drei Monate, nachdem ein Unternehmen als Einrichtung gilt, vorzunehmen (§ 33 Abs. 1 BSIG); Anbieter von Cloud-Computing- und Rechenzentrumsdiensten sowie MSP/MSSP übermitteln zusätzlich die Angaben nach § 34 BSIG, etwa Hauptniederlassung und öffentliche IP-Adressbereiche. Für diese Einrichtungsarten ist das BSI nur zuständig, wenn ihre Hauptniederlassung in der EU in Deutschland liegt (§ 60 Abs. 1 BSIG). EU-Grundlage: Richtlinie (EU) 2022/2555.

Doppel-Rolle: Anbieter und Lieferant

Cloud- und SaaS-Anbieter haben in der NIS2-Welt zwei Rollen, die getrennt zu betrachten sind:

Anbieter-Side (direkte Betroffenheit):

  • Eigene Risikomanagementmaßnahmen nach Art. 21 NIS2 (§ 30 BSIG), für Cloud-Anbieter konkretisiert durch die Durchführungsverordnung (EU) 2024/2690
  • Eigene Meldepflicht nach Art. 23 NIS2 (§ 32 BSIG)
  • Eigene Registrierung (§§ 33, 34 BSIG), beim BSI, sofern die Hauptniederlassung in der EU in Deutschland liegt (§ 60 BSIG)
  • Eigene Geschäftsleitungs-Verantwortung nach Art. 20 NIS2 (§ 38 BSIG)

Customer-Side (Lieferanten-Rolle):

  • NIS2-pflichtige Kunden müssen ihre Lieferketten-Sicherheit nach Art. 21 Abs. 2 lit. d) NIS2 (§ 30 Abs. 2 Nr. 4 BSIG) gewährleisten
  • Das heißt: Kunden können vom Anbieter vertraglich Nachweise und Zusagen verlangen; eine gesetzliche Pflicht des Anbieters gegenüber dem Kunden entsteht daraus nicht
  • Vertragliche Klauseln zu Sicherheit, Audit-Rechten und Vorfallsmeldung sind die übliche Form dafür

In der Praxis bedeutet das: ein NIS2-konformes Sicherheitsniveau hilft nicht nur bei der eigenen Compliance, sondern kann zum Argument im B2B-Vertrieb werden, weil Kunden die Sicherheit ihrer Lieferkette adressieren müssen.

Hinweis

Multiplikator-Effekt durch Lieferketten-Pflicht

Ein Anbieter, der seine Sicherheitsnachweise einmal standardisiert (etwa als Prüfbericht), kann sie vielen Kunden zugleich zur Verfügung stellen. Kunden, die ihre Lieferkette nach § 30 Abs. 2 Nr. 4 BSIG adressieren müssen, können einen solchen Bericht in ihre eigene Risikobewertung übernehmen, statt jeden Punkt einzeln abzufragen. Das kann NIS2-Compliance zum Vertriebs-Argument machen.

Welche Cloud-Dienste fallen unter Anhang I?

Anhang I NIS2 listet in der digitalen Infrastruktur explizit:

  • Anbieter von Cloud-Computing-Dienstleistungen
  • Anbieter von Rechenzentrumsdienstleistungen
  • Anbieter von Content Delivery Networks
  • DNS-Anbieter, TLD-Registries, IXPs
  • Anbieter öffentlicher elektronischer Kommunikationsnetze und -dienste
  • Vertrauensdiensteanbieter (qualifizierte und nicht qualifizierte)

Die Größen-Schwelle entfällt für mehrere dieser Kategorien: Qualifizierte Vertrauensdiensteanbieter, TLD-Registries und DNS-Diensteanbieter gelten unabhängig von der Größe als besonders wichtige Einrichtungen (§ 28 Abs. 1 Nr. 2 BSIG), sonstige Vertrauensdiensteanbieter als wichtige Einrichtungen (§ 28 Abs. 2 Nr. 1 BSIG). Anbieter öffentlich zugänglicher Telekommunikationsdienste oder Betreiber öffentlicher Telekommunikationsnetze sind ebenfalls in jeder Größe erfasst (§ 28 Abs. 1 Nr. 3, Abs. 2 Nr. 2 BSIG). Cloud- und SaaS-Anbieter werden direkt erfasst, wenn sie mindestens 50 Beschäftigte haben oder Jahresumsatz und Jahresbilanzsumme jeweils 10 Mio. € übersteigen (§ 28 Abs. 2 Nr. 3 BSIG).

BSI C5: Der etablierte Cloud-Sicherheits-Katalog

Der BSI-Kriterienkatalog C5 (Cloud Computing Compliance Criteria Catalogue) spezifiziert Mindestanforderungen an sicheres Cloud Computing. Die aktuelle Fassung C5:2026 hat das BSI am 7. April 2026 veröffentlicht; laut BSI-FAQ ist sie für Testierungen ab dem 1. Juni 2027 anzuwenden, eine frühere Anwendung ist erlaubt. Neu aufgegriffen werden unter anderem Container-Management, Post-Quanten-Kryptographie und Confidential Computing (BSI-Pressemitteilung vom 7.4.2026).

C5 hat zwei Anwendungs-Modi:

  • C5 Type 1, Beschreibung des Sicherheitsmanagements und der Maßnahmen zu einem Stichtag
  • C5 Type 2, wie Type 1 plus Wirksamkeits-Test über einen Zeitraum (laut BSI-FAQ 3 bis 12 Monate in der Vergangenheit)

Ein Type-2-Bericht belegt zusätzlich die Wirksamkeit der Maßnahmen über einen Zeitraum und ist damit aussagekräftiger als ein Stichtagsbericht. Welchen Berichtstyp ein Kunde verlangt, ist Gegenstand des Vertrags.

Ein C5-Testat belegt nicht automatisch die Erfüllung der NIS2-Pflichten. Bei der Erstellung des C5:2026 hat das BSI die NIS2-Richtlinie berücksichtigt, laut BSI-FAQ auch den Anhang der Durchführungsverordnung zur NIS2-Richtlinie; welche Anforderungen aus § 30 BSIG und der Durchführungsverordnung (EU) 2024/2690 noch offen sind, zeigt erst eine Lückenanalyse.

Pflicht-Bereiche für Cloud-/SaaS-Anbieter

Für Anbieter von Cloud-Computing-Diensten, Rechenzentrumsdiensten sowie verwalteten Diensten und Sicherheitsdiensten legt die Durchführungsverordnung (EU) 2024/2690 die technischen und methodischen Anforderungen an die Maßnahmen nach Art. 21 Abs. 2 NIS2 fest und präzisiert, wann ein Sicherheitsvorfall erheblich ist. Diese Anforderungen haben nach § 30 Abs. 3 BSIG für diese Einrichtungsarten Vorrang vor den allgemeinen Vorgaben.

Die folgenden Maßnahmen-Bereiche müssen Cloud- und SaaS-Anbieter besonders aufmerksam adressieren:

Mandanten-Trennung (Multi-Tenancy):

  • Saubere Isolation zwischen Kunden auf Compute-, Storage- und Netzwerk-Ebene
  • Verhinderung von Cross-Tenant-Leaks
  • Auditierbarkeit der Mandanten-Grenzen

Datenverschlüsselung:

  • At-rest, in-transit, idealerweise in-use
  • Bring-Your-Own-Key (BYOK) und Hold-Your-Own-Key (HYOK) als Premium-Optionen
  • Schlüsselverwaltung mit Hardware Security Modules (HSM)

Identitäts- und Zugriffsmanagement:

  • Multi-Faktor-Authentifizierung für Kunden- und Mitarbeiter-Zugänge
  • Privileged Access Management für Admin-Zugriffe auf die Plattform
  • Audit-Trail aller Admin-Aktivitäten

Incident-Response mit Customer-Notification:

  • Gesetzlich: Bei einem erheblichen Sicherheitsvorfall kann das BSI anordnen, die Empfänger der Dienste unverzüglich zu unterrichten (§ 35 Abs. 1 BSIG); über erhebliche Cyberbedrohungen und mögliche Abhilfemaßnahmen müssen Einrichtungen der digitalen Infrastruktur potenziell betroffene Empfänger unverzüglich informieren, wenn deren Interessen überwiegen (§ 35 Abs. 2 BSIG)
  • Vertragliche Meldefristen, die so kurz sind, dass Kunden ihre eigenen Fristen nach § 32 BSIG (24 und 72 Stunden) einhalten können
  • Kunden müssen ihre Lieferanten-Meldungen in eigenen BSI-Meldungen verarbeiten können

Audit-Rechte:

  • Kunden in regulierten Branchen brauchen Audit-Rechte oder zumindest Audit-Berichte
  • C5-Bericht, SOC-2-Bericht, ISO-27001-Zertifikat sind etablierte Lösungen

Customer-Side: Anforderungen aus dem Vertrag

Wenn NIS2-pflichtige Kunden einen Cloud- oder SaaS-Anbieter wählen, prüfen sie zunehmend Vertragsklauseln zu:

Bereich Typische Anforderung
Vorfallsmeldung Fristen, die dem Kunden die eigene Meldung nach § 32 BSIG (24/72 Stunden) ermöglichen, mit definierten Pflichtfeldern
Audit-Rechte Vor-Ort-Audit oder unabhängiger Auditbericht (C5, SOC-2, ISO-27001)
Datenlokalisierung EU-Hosting, Datenexport-Kontrollen, US-Cloud-Act-Klauseln
Subdienstleister-Transparenz Liste aller Subdienstleister, Informationspflicht bei Wechsel
Datenverschlüsselung At-rest, in-transit, BYOK-Optionen für sensitive Daten
SLA für Verfügbarkeit vereinbarte Verfügbarkeitsquote, Gutschriften oder Vertragsstrafen bei Unterschreitung
Exit-Strategie Datenexport, Format-Garantien, Übergangsfristen
Versicherung des Anbieters Cyber-Versicherung mit ausreichender Deckungssumme

Welche dieser Klauseln ein Kunde verlangt, hängt von seiner eigenen Regulierung und Risikoanalyse ab.

Achtung

AGB-Klauseln statt individuelle Verträge

Manche SaaS-Anbieter verweisen bei Sicherheits-Anforderungen kompromisslos auf ihre AGB, „take it or leave it". NIS2-pflichtige Kunden müssen die Sicherheit ihrer Lieferkette adressieren (§ 30 Abs. 2 Nr. 4 BSIG) und ihre Maßnahmen dokumentieren (§ 30 Abs. 1 Satz 3 BSIG). Generische AGB decken ihre Anforderungen nicht immer ab. Anbieter, die individuelle Sicherheitsanlagen akzeptieren oder standardisierte Nachweise bereitstellen, erleichtern Kunden diese Dokumentation.

Subdienstleister-Kette: Wer haftet wofür?

Cloud-Anbieter nutzen selbst oft Subdienstleister, Hyperscaler als Infrastruktur, externe SOC-Provider, Drittpartei-Datenbanken. Kunden, die ihre Lieferkette bewerten, fragen deshalb auch nach dieser Kette.

Verbreitete Vertragsklauseln:

  • Liste der Subdienstleister mit Funktion und Datenfluss-Beschreibung
  • Vorab-Informationspflicht bei Wechsel, mit vertraglich vereinbartem Vorlauf
  • Equivalent-Sicherheit, Subdienstleister müssen mindestens das gleiche Niveau wie der Hauptanbieter erfüllen
  • Audit-Durchgriff, Audit-Rechte des Kunden müssen sich auf Subdienstleister erstrecken (in der Praxis schwierig, oft über Auditberichte des Hauptanbieters)

Für NIS2-pflichtige Kunden ist die Bewertung mehrstufiger Ketten aufwendig. Vertragsstandards mit klaren Anforderungen und Eskalations-Rechten erleichtern sie.

Praxis: NIS2-Tauglichkeit als Vertriebs-Argument

Praxis-Tipp

Erste Schritte

Erste NIS2-Customer-Side-Pakete schnüren: (1) NIS2-Compliance-Brief für Kunden erstellen, ein Überblick über Pflichten und eigene Maßnahmen, (2) Standard-Vertragsklauseln zur Lieferanten-Sicherheit ausarbeiten und anwaltlich prüfen lassen: Vorfallsmeldung, Audit-Rechte, Subdienstleister-Transparenz, (3) SLA-Update: Vorfallsmeldungs-Fristen in den SLA aufnehmen, (4) Sales-Briefing: wie NIS2 zum Vertriebs-Argument wird.

Strategische Schritte:

  1. C5-Testat oder vergleichbare Nachweise (SOC-2-Bericht, ISO-27001-Zertifikat) als Grundlage für Kundennachweise etablieren
  2. NIS2-Whitepaper für Kunden veröffentlichen, eigene Maßnahmen erklären, Kunden in der eigenen Compliance unterstützen
  3. Vertragsstandards modular gestalten, Basis-Paket plus „NIS2-Premium-Pack" mit erweiterten Audit-Rechten
  4. Roadmap-Kommunikation, bei zukünftigen Verschärfungen (Implementing Acts, AI Act) frühzeitig informieren
  5. Branche-Spezialisierung, Vertikallösungen für regulierte Branchen (Banken, Gesundheit, Energie) mit angepassten Sicherheits-Profilen

FAQ

Müssen wir als Cloud-Anbieter den Sitz in der EU haben?

Nicht zwingend. NIS2 erfasst Anbieter, die in der EU Dienste anbieten, unabhängig vom Sitz. Zuständig ist bei Cloud-Anbietern der Mitgliedstaat der Hauptniederlassung in der EU, also dort, wo die Entscheidungen zum Cybersicherheits-Risikomanagement vorwiegend getroffen werden (Art. 26 Abs. 1 lit. b und Abs. 2 NIS2, § 60 Abs. 1 und 2 BSIG). Ein Anbieter ohne Niederlassung in der Union muss einen Vertreter benennen, der in einem der Mitgliedstaaten niedergelassen ist, in denen die Dienste angeboten werden (Art. 26 Abs. 3 NIS2, § 60 Abs. 3 BSIG); sitzt dieser Vertreter in Deutschland, ist das BSI zuständig.

Wir sind unter 50 MA: gilt NIS2 trotzdem?

In Standardfällen nein, sofern Jahresumsatz und Jahresbilanzsumme nicht beide über 10 Mio. € liegen. Aber: Vertrauensdiensteanbieter, TLD-Registries, DNS-Diensteanbieter sowie Anbieter öffentlich zugänglicher Telekommunikationsdienste fallen unabhängig von der Größe unter NIS2 (Art. 2 Abs. 2 NIS2, § 28 BSIG). Art. 2 Abs. 2 lit. b bis e NIS2 erlaubt den Mitgliedstaaten zudem, einzelne kleinere Einrichtungen etwa als einzige Anbieter eines Dienstes zu bestimmen; § 28 BSIG sieht eine solche Einzelbestimmung nicht vor. Unabhängig davon können pflichtige Kunden über Verträge Sicherheitsanforderungen stellen: Die direkte Pflicht entfällt, die vertraglichen Anforderungen bleiben.

Reicht ein ISO 27001 für die NIS2-Anforderungen?

ISO 27001 kann einen Teil der NIS2-Maßnahmen abdecken; wie viel, hängt vom Scope des ISMS ab. § 30 Abs. 2 BSIG verlangt, einschlägige europäische und internationale Normen zu berücksichtigen, macht ein Zertifikat aber nicht zum Nachweis. NIS2-spezifische Themen wie die persönliche Geschäftsleitungs-Pflicht oder die Meldepflicht-Fristen sind in ISO 27001 nicht enthalten. Eine Lücken-Analyse ISO 27001 → NIS2-Mindestmaßnahmen ist ein sinnvoller Schritt, um die Restanforderungen zu identifizieren.

Was ist mit Open-Source-SaaS-Anbietern?

Auch Open-Source-basierte SaaS-Anbieter fallen unter NIS2, wenn die Größen-Schwellen erreicht sind. Die Open-Source-Natur des Codes ist kein Sicherheits-Argument per se, entscheidend ist das tatsächliche Betriebs-Sicherheitsniveau des Anbieters. Transparenz des Codes kann Vertrauen schaffen, ist aber kein Ersatz für strukturierte Sicherheits-Maßnahmen.

Müssen wir alle Kunden über NIS2-Folgen aktiv informieren?

Eine allgemeine Pflicht, Kunden über NIS2 zu informieren, gibt es nicht. Es gibt aber anlassbezogene Unterrichtungspflichten: Bei einem erheblichen Sicherheitsvorfall kann das BSI die Unterrichtung der Kunden anordnen (§ 35 Abs. 1 BSIG), und über erhebliche Cyberbedrohungen müssen Cloud-Anbieter als Einrichtungen der digitalen Infrastruktur potenziell betroffene Kunden samt möglicher Abhilfemaßnahmen unverzüglich informieren, wenn deren Interessen überwiegen (§ 35 Abs. 2 BSIG). Darüber hinaus fragen Kunden oft nach NIS2-Tauglichkeit, eine proaktive Kommunikation kann vom Wettbewerb unterscheiden. Ein einseitiger NIS2-Trust-Pager oder ein Whitepaper „So unterstützen wir Sie bei Ihrer NIS2-Compliance" ist günstige Vertriebs-Investition mit hoher Wirkung.

Veröffentlicht durch die ComplyCheck-Redaktion. Veröffentlicht am 10. August 2026. Aktualisiert am 22. September 2026.

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