DORA für Versicherungen: was anders ist als VAIT
DORA gilt seit 17.01.2025 auch für Versicherer, die VAIT ist aufgehoben: was jetzt gilt, wer ausgenommen ist, welche EIOPA-Vorgaben wegfielen.
ComplyCheck-Redaktion · Stand: 2026-09-22
DORA für Versicherungen: was anders ist als VAIT
Stand: 18.09.2026 · ComplyCheck-Redaktion · Keine Rechtsberatung iSd RDG § 2.
DORA-Geltung für Versicherer
Art. 2 Abs. 1 DORA listet die erfassten Finanzunternehmen abschließend auf, Versicherungsunternehmen erscheinen unter:
- lit. n: Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen
- lit. o: Versicherungsvermittler, Rückversicherungsvermittler und Versicherungsvermittler in Nebentätigkeit
Nicht erfasst sind Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen im Sinne von Art. 4 der Solvency-II-Richtlinie 2009/138/EG, also Unternehmen, die dessen Voraussetzungen erfüllen, darunter Obergrenzen für Bruttoprämien und versicherungstechnische Rückstellungen (Art. 2 Abs. 3 lit. b DORA; in Deutschland die kleinen Versicherungsunternehmen nach § 211 VAG).
Wichtig: Versicherungs-, Rückversicherungs- und Nebentätigkeitsvermittler, die Kleinst-, kleine oder mittlere Unternehmen sind, fallen nach Art. 2 Abs. 3 lit. e DORA ganz aus dem Anwendungsbereich. Das vereinfachte Rahmenwerk nach Art. 16 DORA ist dagegen nicht für Vermittler gedacht, sondern u. a. für kleine und nicht verflochtene Wertpapierfirmen, ausgenommene Zahlungs- und E-Geld-Institute sowie kleine Einrichtungen der betrieblichen Altersversorgung.
Die VAIT ist aufgehoben
Anders als die BAIT, die die BaFin in zwei Stufen zurückzieht (vollständig mit Ablauf des 31. Dezember 2026), hat die BaFin die VAIT bereits mit Ablauf des 16. Januar 2025 aufgehoben. Maßstab für die IT-Anforderungen an Versicherer ist seitdem DORA. Solvency II gilt daneben weiter; Versicherer beachten also Solvency II und DORA parallel.
Was die VAIT regelte
Die VAIT folgte der Struktur der BAIT und legte die VAG-Vorschriften zur Geschäftsorganisation für die IT aus. Die Fassung vom 03.03.2022 gliederte die Anforderungen in diese Kapitel:
- IT-Strategie
- IT-Governance
- Informationsrisikomanagement mit Schutzbedarfsfeststellung
- Informationssicherheitsmanagement
- Operative Informationssicherheit
- Identitäts- und Rechtemanagement
- IT-Projekte und Anwendungsentwicklung
- IT-Betrieb
- Ausgliederungen von IT-Dienstleistungen und sonstige Dienstleistungsbeziehungen im Bereich IT-Dienstleistungen
- IT-Notfallmanagement
- Kritische Infrastrukturen
Was DORA für Versicherer ändert
1. Drittanbieter-Risikomanagement neu strukturiert
Die VAIT regelte Auslagerungen in einem Kapitel, DORA macht aus diesem Kapitel ein eigenes Kapitel V (Art. 28-44) mit deutlich höherer Granularität:
- Register aller IKT-Drittanbieter (Art. 28 Abs. 3 DORA), inklusive Konzern-übergreifender Sicht
- Pflichtklauseln in IKT-Verträgen (Art. 30 DORA): Service-Beschreibung, Datenschutz, Audit-Rechte, Beendigungsstrategie, Compliance-Verpflichtungen
- Ausstiegsstrategien für IKT-Dienstleistungen, die kritische oder wichtige Funktionen unterstützen, als eigenständige Pflicht (Art. 28 Abs. 8 DORA)
- Aufsichtsregime für kritische IKT-Drittanbieter (Art. 31-44 DORA), ESAs können direkt gegenüber Cloud-Anbietern und vergleichbaren Dienstleistern aufsichtlich tätig werden
2. Incident-Reporting harmonisiert
DORA führt ein einheitliches EU-Meldeverfahren für schwerwiegende IKT-bezogene Vorfälle ein:
- dreistufiges Meldeverfahren (Initial / Intermediate / Final Report)
- Klassifizierungskriterien und Wesentlichkeitsschwellen nach der Delegierten Verordnung (EU) 2024/1772, einem gemeinsamen Standard der drei Europäischen Aufsichtsbehörden (EBA, EIOPA, ESMA), der für alle Finanzunternehmen gilt
- einheitliche Meldevorlagen nach der Durchführungsverordnung (EU) 2025/302; Meldungen gehen in Deutschland über die Melde- und Veröffentlichungsplattform (MVP) an die BaFin
3. Resilience-Testing als Pflichtprogramm
DORA Art. 24-26 verlangt ein dokumentiertes Testprogramm mit:
- mindestens jährlichen Tests aller IKT-Systeme und -Anwendungen, die kritische oder wichtige Funktionen unterstützen (Art. 24 Abs. 6 DORA), etwa Schwachstellenbewertungen nach Art. 25
- angemessenen Tests aus dem Katalog des Art. 25 Abs. 1 DORA, etwa Schwachstellenscans, szenariobasierten Tests und Penetrationstests, risikobasiert ausgewählt
- für Versicherer, die die Behörde dafür identifiziert: mindestens alle drei Jahre TLPT (Art. 26 Abs. 1 DORA)
Welche Finanzunternehmen TLPT durchführen müssen, legt die zuständige Behörde fest, in Deutschland die BaFin (Art. 26 Abs. 8 DORA). Die Kriterien dafür regelt die Delegierte Verordnung (EU) 2025/1190; für Versicherungs- und Rückversicherungsunternehmen knüpfen sie unter anderem an die gebuchten Bruttoprämien und die versicherungstechnischen Rückstellungen an.
4. Governance: Leitungsorgan ist verantwortlich
Nach Art. 5 Abs. 2 DORA trägt das Leitungsorgan die letztendliche Verantwortung für das Management der IKT-Risiken. Bei Versicherern bedeutet das:
- Der Vorstand legt die Strategie für die digitale operationale Resilienz fest und genehmigt sie (Art. 5 Abs. 2 lit. d, Art. 6 Abs. 8 DORA)
- Mitglieder des Vorstands müssen ihr Wissen zu IKT-Risiken aktuell halten, auch durch regelmäßige spezifische Schulungen (Art. 5 Abs. 4 DORA; ein fester Turnus ist nicht vorgegeben)
- Der IKT-Risikomanagementrahmen ist Teil des gesamten Risikomanagementsystems (Art. 6 Abs. 1 DORA), bei Versicherern also des Risikomanagementsystems nach Solvency II
Schadens-Outsourcing wird oft als „kein IKT-Vertrag" verbucht
Wer Schadens-Regulierung an Sachverständige, Reparatur-Netzwerke oder medizinische Begutachter auslagert, behandelt diese Verträge gerne als reine Dienstleistungs-Verträge. Entscheidend ist, ob der Vertrag IKT-Dienstleistungen umfasst, also digitale und Datendienste, die fortlaufend über IKT-Systeme bereitgestellt werden (Art. 3 Nr. 21 DORA), z. B. ein Schadens-Bearbeitungs-System mit API-Anbindung. Dann gelten Art. 28-30 DORA; die erweiterten Klauseln wie umfassende Audit-Rechte und Ausstiegsstrategien verlangt Art. 30 Abs. 3 für IKT-Dienstleistungen, die kritische oder wichtige Funktionen unterstützen. Bestandsverträge, denen diese Klauseln fehlen, sind anzupassen.
EIOPA-Vorgaben für Versicherer
EIOPA ist die European Insurance and Occupational Pensions Authority. Für DORA-Implementierung bei Versicherern relevant:
- EIOPA Guidelines on ICT Security and Governance: galten vom 1. Juli 2021 bis 17. Januar 2025; EIOPA hat sie zur Vermeidung von Überschneidungen mit DORA aufgehoben
- EIOPA-Themenseite zu DORA: Überblick, technische Standards, Q&A und Informationen zur Überwachung kritischer IKT-Drittdienstleister
- Joint Committee RTS und ITS: EIOPA arbeitet mit EBA und ESMA gemeinsam an den DORA-Konkretisierungen
Was aus der VAIT-Zeit bleibt
Die VAIT ist keine Rechtsgrundlage mehr. Bestehende VAIT-Dokumentation, etwa Schutzbedarfsfeststellungen, Berechtigungskonzepte oder IT-Notfallpläne, kann als Ausgangsmaterial für die DORA-Umsetzung dienen. Maßstab ist aber allein DORA mit ihren delegierten Rechtsakten; für Governance- und Modellfragen gelten daneben die Solvency-II-Vorgaben.
Kleine Versicherungsvermittler: Ausnahme nach Art. 2 Abs. 3 lit. e DORA
Versicherungs-, Rückversicherungs- und Nebentätigkeitsvermittler, die Kleinst-, kleine oder mittlere Unternehmen sind, fallen nicht unter DORA. Die Größenklassen definiert DORA selbst:
- Kleinstunternehmen (Art. 3 Nr. 60): weniger als 10 Beschäftigte und Jahresumsatz und/oder Jahresbilanzsumme höchstens 2 Mio. €
- kleines Unternehmen (Art. 3 Nr. 63): 10 bis unter 50 Beschäftigte, Jahresumsatz und/oder Jahresbilanzsumme über 2 Mio. € bis höchstens 10 Mio. €
- mittleres Unternehmen (Art. 3 Nr. 64): weniger als 250 Beschäftigte, Jahresumsatz höchstens 50 Mio. € und/oder Jahresbilanzsumme höchstens 43 Mio. €
Erst Vermittler oberhalb dieser Größen unterliegen DORA. Ein vereinfachtes Regime nach Art. 16 DORA gibt es für sie nicht; es gilt der Rahmen nach Art. 5 bis 15, verhältnismäßig nach Art. 4 DORA.
Praxis-Sequenz für Versicherer
Drei Sofort-Schritte für Versicherer mit VAIT-Dokumentation
Wer die VAIT umgesetzt hatte, setzt drei Prioritäten: (1) Gap-Analyse, vorhandene VAIT-Dokumentation gegen DORA-Artikel mappen, (2) Informationsregister der IKT-Drittdienstleister nach Art. 28 Abs. 3 DORA aufbauen, mit Priorität auf Bestandsführungs-Dienstleister, Cloud-Provider und Schadens-Outsourcing, (3) Art. 30 DORA-Pflichtklauseln in bestehende IKT-Verträge aufnehmen. TLPT-Vorbereitung nur, wenn die BaFin das Unternehmen nach Art. 26 Abs. 8 DORA identifiziert.
Für deutsche Versicherer empfiehlt sich folgende Reihenfolge:
- DORA-Anwendbarkeit feststellen: Versicherungsunternehmen fallen unter Art. 2 Abs. 1 lit. n, sofern sie nicht als kleine Versicherungsunternehmen nach Art. 2 Abs. 3 lit. b ausgenommen sind; Vermittler prüfen die KMU-Ausnahme nach Art. 2 Abs. 3 lit. e
- VAIT-DORA-Gap-Analyse: Vorhandene VAIT-Dokumentation gegen DORA-Artikel mappen
- IKT-Drittanbieter-Register aufbauen: Vorrangig kritische Anbieter (Bestandsführungs-Dienstleister, Cloud-Provider, Schadens-Outsourcing)
- Vertragsklauseln in IKT-Verträgen anpassen: Standardklauseln für Art. 30 DORA, ggf. Nachtragsverhandlung mit Bestandsdienstleistern
- Incident-Reporting-Prozess auf DORA-Format umstellen: Klassifizierung nach Delegierter Verordnung (EU) 2024/1772, Meldevorlagen nach Durchführungsverordnung (EU) 2025/302, Zugang zur MVP der BaFin
- Resilience-Test-Programm dokumentieren: jährliche Tests, Penetration-Tests, Szenarien
- TLPT-Status klären (Identifizierung durch die BaFin nach Art. 26 Abs. 8 DORA)
Versicherungs-spezifische Praxis-Themen
Versicherungs-Bestandsführungs-Systeme
Die Versicherer-IT lebt in starkem Maße von Bestandsführungs-Systemen, Schadens-Plattformen und Aktuariats-Tools. Unter DORA müssen diese Systeme:
- daraufhin geprüft sein, ob sie kritische oder wichtige Funktionen unterstützen
- in der Risiko-Analyse mit Schutzbedarf, Kritikalität und Verfügbarkeits-Anforderungen abgebildet sein
- bei Bezug als IKT-Dienstleistung die Vertragsinhalte nach Art. 30 DORA abdecken, bei Unterstützung kritischer oder wichtiger Funktionen einschließlich der erweiterten Klauseln nach Art. 30 Abs. 3 (u. a. Audit-Rechte, Ausstiegsstrategien)
Aktuariats-Modelle
Die IT-Systeme für Aktuariats-Modelle gehören zu den IKT-Assets, die nach Art. 8 DORA (Identifizierung) zu erfassen und nach Art. 9 DORA (Schutz und Prävention) abzusichern sind, einschließlich der Integrität der Daten. Die Solvency-II-Modell-Validierung ist davon zu unterscheiden, beide Themen müssen parallel beachtet werden.
Schadens-Bearbeitung über externe Dienstleister
Viele Versicherer lagern Schadens-Regulierung an Service-Provider aus (Sachverständige, Reparatur-Netzwerke, medizinische Begutachter). Diese Verträge unterliegen Art. 28-30 DORA, soweit sie IKT-Dienstleistungen im Sinne von Art. 3 Nr. 21 DORA umfassen. Ein reiner Sachverständigen-Bericht in Papierform ist keine IKT-Dienstleistung; ein fortlaufend bereitgestelltes Schadens-Bearbeitungs-System mit API-Anbindung dagegen in der Regel schon.
FAQ
Gilt DORA auch für kleine Versicherungsvermittler?
Nein, wenn der Vermittler ein Kleinst-, kleines oder mittleres Unternehmen ist: Versicherungs-, Rückversicherungs- und Nebentätigkeitsvermittler dieser Größen sind nach Art. 2 Abs. 3 lit. e DORA ganz ausgenommen. Die Größenklassen stehen in Art. 3 Nr. 60, 63 und 64 DORA (mittleres Unternehmen: weniger als 250 Beschäftigte, Umsatz höchstens 50 Mio. € und/oder Bilanzsumme höchstens 43 Mio. €). DORA ist eine Verordnung und gilt unmittelbar; das VAG ergänzt sie unter anderem um Zuständigkeit und Befugnisse der BaFin (§ 295 und § 308d VAG) und erstreckt sie auf Versicherungs-Holdinggesellschaften (§ 293 Abs. 5 VAG).
Wie verhält sich DORA zu Solvency II?
DORA ist eine eigenständige Verordnung mit eigenem Anwendungsbereich. Die Solvency-II-Anforderungen zum Risikomanagement (insbesondere Art. 44 zum Risikomanagement und Art. 45 zur unternehmenseigenen Risiko- und Solvabilitätsbeurteilung, ORSA) bleiben bestehen, IKT-Risiken sind dort als Teil des operativen Risikos zu adressieren. DORA konkretisiert die IKT-spezifischen Pflichten, ohne Solvency II zu ersetzen.
Brauche ich als Versicherer ein TLPT?
Nur, wenn die BaFin das Unternehmen nach Art. 26 Abs. 8 DORA dafür identifiziert. Die Kriterien stehen in der Delegierten Verordnung (EU) 2025/1190 und knüpfen bei Versicherern unter anderem an Bruttoprämien und versicherungstechnische Rückstellungen an; kleinere und spezialisierte Versicherer erreichen diese Größenordnungen in der Regel nicht.
Muss ich VAIT-Dokumente komplett umschreiben?
Nicht zwingend komplett, aber jedes Dokument muss sich an DORA messen lassen, denn die VAIT ist seit Ablauf des 16. Januar 2025 aufgehoben. Typische Ergänzungen: das Informationsregister nach Art. 28 Abs. 3, DORA-konforme Vertragsklauseln nach Art. 30, ein Klassifizierungsprozess nach Delegierter Verordnung (EU) 2024/1772 und gegebenenfalls die TLPT-Vorbereitung.
Wer ist meine Aufsichtsbehörde für DORA?
In Deutschland die BaFin, wie für Solvency II. Bei kritischen IKT-Drittanbietern können die European Supervisory Authorities (ESAs) als Lead Overseer direkt aufsichtlich tätig werden (Art. 31-44 DORA), das betrifft aber den Dienstleister, nicht den Versicherer als Adressaten.
Veröffentlicht durch die ComplyCheck-Redaktion. Veröffentlicht am 14. August 2026. Aktualisiert am 22. September 2026.
Verantwortlich i.S.d. § 18 MStV: siehe Impressum.
Fehler entdeckt oder ergänzende Erfahrung? korrektur@complycheck.de
Compliance-Updates ohne GRC-Bloat
NIS2-, DORA- und KRITIS-Hinweise für KMU: kurz, quellenbasiert und mit nächsten Schritten.
🎁 Gratis dazu: NIS2-Scope-Checkliste für KMU
Das könnte dich auch interessieren
DORA Incident-Reporting: wie läuft das in der Praxis?
Wann ein IKT-Vorfall nach DORA schwerwiegend ist (DelVO 2024/1772), welche Fristen für Erst-, Zwischen- und Abschlussmeldung gelten (DelVO 2025/301) und was vor dem Ernstfall stehen muss.
DORA — wer ist betroffen und ab wann?
DORA gilt seit dem 17. Januar 2025 für Finanzunternehmen; kritische IKT-Drittanbieter stehen unter direkter EU-Aufsicht. Geltungsbereich, Pflichten, Zeitplan.
IKT-Drittanbieter-Pflichten unter DORA
DORA macht aus IKT-Drittanbietern ein eigenes Kapitel: Register, Pflichtklauseln, Beendigungsstrategien, kritische Drittanbieter, ESA-Direktaufsicht. Stand 18.09.2026.